Linz 102 Donautrail – Sieg über mich selbst!

Der Lauf Donautrail 102 Kilometer ist eine Kombination des Donautrail 100 mit dem Schlussteil des Donautrail 77 und wurde am 23.04.2022 als Variante vom mir zum ersten Mal gelaufen.

Es ist 5:45 Uhr in der Linzerie auf der Linzer Landstraße. Mit dem Organisator Christoph Hain sind etwa 30 Läufer gekommen, die die 65 oder 100 Kilometerstrecke in Angriff nehmen wollen. Viele Teilnehmer sind schon früher, manche sogar am Vortag um 22 Uhr gestartet.

Da stehe ich mit einem großen Fragezeichen. Was, oder ist heute etwas möglich? Vor einer Woche war die Welt noch in Ordnung. Ein Testlauf über 32 Kilometer war mehr als zufriedenstellend. Den ganzen folgenden Tag plagte mich dann ein schlimmer Brechdurchfall mit Fieber, der mich unfreiwillig um drei Kilo erleichterte.

Mein Ziel war heute einfach nur gemütlich laufen. Beim Start um 6 Uhr ließ ich das Feld ziehen und begann mit einem 7-Minuten Schnitt. Nach sechs Kilometern wurde ich am Fuß des Pfenningbergs schon von Ingrid, meiner Frau, erwartet. Sie ist die gute Perle aller Extremläufe, begleitet mich und sorgt für Verpflegung und Motivation.

Mit den Laufstöcken ging es zügig bergauf, immer den Pulsmesser im Blickfeld. 130 Schläge war die einzuhaltende Obergrenze. Weg von der Stadt in der ruhigen Natur fühlte ich mich viel wohler. Die Labestation beim Daxleitner ließ ich aus und so konnte ich eine Läuferin bergab einholen. Manuela war extra von Salzburg angereist und wurde von ihrem Mann per Rad begleitet. Sie hatte vor ein paar Jahren mit dem Traillaufen begonnen und wollte die 65 Kilometer Distanz unter 11 Stunden schaffen.

Im Gespräch zerronnen die Kilometer im wahrsten Sinn des Wortes unter den Füssen. Bald wurde über den wunderschönen Pferde-Eisenbahnweg St. Magdalena erreicht und der Anstieg auf die Gis begonnen. Wie erwartet war es oben auf fast 900 Meter Seehöhe windig und mit 7 Grad auch kalt. Eine warme Nudelsuppe brachte den Körper wieder auf Touren. 33 Kilometer waren geschafft!

Die Bergabpassage von der Gis war trotz des Regens am Vortag schon wieder trocken und schön zu Laufen. Karoline, eine Läuferin, die schon mit mir am Sternstein Nightrun dabei war, gesellte sich zu uns. Die Konversation mit meinen beiden Begleiterinnen war sehr unterhaltsam. Am Anstieg zum Pöstlingberg holten wir Otto ein. Mit ihm war ich schon einige Male beim Traunsee Bergmarathon unterwegs. Mit einer künstlichen Hüfte hat er die 65 Kilometer Distanz geschafft!

Kurz nach dem Pöstlingberg, beim Gasthof Freiseder wurden die Speicher für den kräfteraubenden Anstieg auf den Koglerauerspitz aufgefüllt. Dafür folgte unterhalb dieses Berges mit dem Köglerhof die beste Labestation. Der Linseneintopf ist legendär!

Über das malerische Bleicherbachtal wurde nach 56 Kilometern in genau acht Stunden Ottensheim erreicht und ich musste mich von Manuela verabschieden. Sie hat mir versprochen beim Sternsteintrail mitzumachen. Jetzt wäre ich liebend gerne mit ihr nach Linz zurückgelaufen. Noch 46 Kilometer – ich konnte mir ein Ankommen beim besten Willen nicht vorstellen. „Aufgeben tut man einen Brief aber keinen Lauf“ – dies war mein Motto. Vorsichtshalber fragte ich Ingrid, ob eine Zielerreichung auch nach 22 Uhr für sie in Ordnung sei. „Du schafft das“, sagte sie und dann lief ich los.

Wenn schon, dann die 102 Kilometer Variante, die noch niemand zuvor gelaufen war. Somit führte mich der Lauf am rechten Donauufer nach Aschach und auf der anderen Seite zurück. Dies war gegen die Laufrichtung und so begegnete ich einigen Läufen. Ein Spitzenduo dürfte es wohl um die 10 Stunden schaffen. Geher, die schon 18 Stunden unterwegs waren hatten noch 8 Stunden vor sich.

Die Umstellung vom angenehmen Geländeberglauf auf den ebenen Asphaltlauf entlang der Donau war körperlich sehr fordernd. 30 elendig lange Kilometer nach Aschach und zum Kraftwerk Ottensheim retour lagen vor mir. Die Geraden waren teils kilometerweit einsehbar. Sichtbare Zielpunkte kamen kaum näher – es war zum Verzweifeln. Mentale Stärke war gefragt! Ja nicht stehenbleiben das Motto. Die längste Etappe mit 11 Kilometern führte vom Gasthof in Eferding/Brandstatt zum Kraftwerk Ottensheim. Der starke Ostwind, der mich nach Aschach unterstützte kam ungut von vorne und erschwerte die ohnehin schon sehr hohe Herausforderung zusätzlich.

Es ist unglaublich – ich konnte den Kraftwerksparkplatz Ottensheim erreichen! Jetzt war ich nicht mehr aufzuhalten! Nach fünf Kilometern um 19 Uhr hatte ich in Wilhering schon 91 Kilometer in den Beinen. Warm angezogen, die Stöcke in die Hand und die Stirnlampe aufgesetzt nahm ich freudig die Schlussetappe in Angriff. Der Prinzensteig im Kürnberger Wald hatte wie erwartet einige sehr morastige Passagen, die meine Freude an diesem schönen Wegstück aber nicht trüben konnten. Schneller als erwartet kam ich zum letzen Treffpunkt mit meiner Frau Ingrid.

Im Licht der Stirnlampe lief ich ins schöne Zaubertal, den letzten Anstieg auf den Freinberg vor Augen. Noch 150 steile Höhenmeter bis zur Warte – dann trennten mich nur mehr zwei Kilometer vom Ziel. Die Ruhe dieses Laufes wurde in der Linzer Altstadt durch Gebrüll der Nachtschwärmer jäh unterbrochen.

Es ist 21:07 Uhr – nach 15 Stunden und 7 Minuten stehe ich auf der Promenade vor der Linzerie und könnte schreien vor Glück. 102 Kilometer und 2400 Höhenmeter – ich hatte das scheinbar Unmögliche tatsächlich geschafft!

2 Gedanken zu “Linz 102 Donautrail – Sieg über mich selbst!

  1. Hallo Peter,
    ich bin begeistert von deiner überragenden sportlichen Leistung.
    Deine sehr detaillierte Beschreibung hat schriftstellerisches Niveau.
    Herzlichen Glückwunsch
    Rudolf

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